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Winter 1999/2000 im Kosovo – die Not hat kein Ende

Der erste Schnee ist gefallen, es wird kalt im Kosovo. Nur notdürftig konnte sich die Bevölkerung auf die kalte Jahreszeit, mit Temperaturen von bis zu – 25° vorbereiten. Als sie zurückkehrten, waren ihre Häuser abgebrannt und zerstört, das Vieh getötet, die Ernte auf den Feldern vernichtet. Nun wohnen sie in ihren feuchten Kellern, in den ehemaligen Ställen, in Häusern ohne Fenster oder in Sommerzelten ohne Boden vor dem Haus (siehe Photos).

Einige Hilfsorganisationen haben damit begonnen, die Dächer zu reparieren, jedoch sind Fenster nur sehr schwer zu bekommen. Daher ist es in den meisten Häusern kalt, denn das Holz mit dem man die Fenster zugenagelte, hat Lücken und der eisige Wind zieht durch. Von den verkohlten Wänden geht ein permanenter Gestank aus, und der Betonboden ist eiskalt. Es gibt keinen Strom und auf dem Land auch kein Wasser, keine Kommunikation mit dem Ausland, die Telefonleitungen sind unterbrochen. 

Ca. 1.4 Mio. Kosovaren sind von humanitärer Hilfe abhängig, aber die Versorgung funktioniert nicht flächendeckend. In den Städten Prizren und Pristina haben sich die meisten Hilfsorganisationen niedergelassen, dort ist es am sichersten, jedoch wurde hier auch kaum etwas zerstört. Im Westen des Kosovo hingegen, dort wo ganze Dörfer und die Hälfte der Städte in Schutt und Asche gelegt wurden, findet man kaum Hilfsorganisationen die verteilen; nicht einmal warme Winterkleidung gibt es für die Armen.

Der Anfahrtsweg in den Kosovo ist lang, kostspielig und gefährlich. Vor einem Monat brachte die mazedonische Regierung jegliche Hilfstransporte zum erliegen, in dem sie eine Abgabe von 105 Dollar an der Grenze erhob. Konvois von Hilfsorganisationen genießen seitdem keine Priorität mehr in der Abfertigung. Sechs Monate nach Kriegsende im Kosovo sind die Verhältnisse vor allem im Westen des Landes katastrophal: 150.000 zerstörte Häuser, 80 % Arbeitslose und die, die Arbeit haben, werden meist dafür nicht bezahlt. Täglich werden neue Massengräber gefunden. Die UN erhält von den Geberländern kein Geld, um die niedrigsten Gehälter zu zahlen – es gibt keine Justiz, die 1700 UN Polizisten besitzen keinerlei Autorität in diesem Land - es gibt keinen Staat.

Bernard Kouchner, Chef der UN-Verwaltung sagte unlängst: „Es ist geradezu lächerlich, daß die UN nicht in der Lage ist, Lehrern, Ärzten und Rechtsanwälten jeden Monat ein Gehalt zu zahlen." Einige selbst ernannte UCK-Verwalter haben das bereits besser organisiert, sie haben sich selbst autorisiert Steuern einzutreiben, notfalls geschieht dies auch mit Gewalt. Nachts werden weiterhin regelmäßig Häuser angesteckt. Die Gewalt von beiden Seiten konnte nicht begrenzt werden. Besonders betroffen sind die Roma, von denen sich noch ein Teil, aus Angst wieder zurückzukehren in mazedonischen Lagern, wie Radusha oder Stenkovac 2 aufhält; andere sind erst in jüngster Zeit dorthin geflohen: Sie ziehen es vor in Zelten, die nur für den Sommer geeignet sind, auf eiskaltem Boden zu überwintern. Nur wenige von ihnen sind im Kosovo geblieben. In Mazedonien ist die Versorgung mit Hilfsmitteln dramatisch. Fast alle Hilfsorganisationen sind über die Berge in den Kosovo gezogen - wer denkt heute noch an Mazedonien.

Helfer ohne Grenzen werden weiterhin Hilfstransporte in den Kosovo, nach Mazedonien und Bosnien schicken. Das Engagement in diesen Ländern ist bei Helfer ohne Grenzen grundsätzlich langfristig ausgelegt. Im Kosovo arbeitet der Verein in den stark zerstörten Städten und Dörfern im Westen des Landes. In Mazedonien sind Helfer ohne Grenzen seit kurzen als Hilfsorganisation registriert und versuchen, den zurückgebliebenen Flüchtlingen zu helfen . In Skopje unterstützen wir nun auch eine Küche für Arme, in der täglich kostenlos Malzeiten ausgegeben werden. Auch in Bosnien gibt es noch Kosovoflüchtlinge und Tausende von Armen, die hilflos dem Nachkriegselend gegenüberstehen. Gerade im Winter brauchen die Menschen unsere Hilfe am meisten: Man kann dann im Garten nichts anbauen, und wenn man keine Decken und warme Kleidung hat, dann wird man sehr schnell krank. Vor allem Kinder sind die Hauptleidtragenden des zurückliegenden Konfliktes, denn die medizinische Versorgung kann unter den derzeitigen Bedingungen nicht funktionieren.

Leider ist unser Sammelaufkommen in den letzten Woche rückläufig. Unsere Hilfsmittel erhalten wir fast ausschließlich von der Bevölkerung der hiesigen Region. Wir bitten daher trotz der vielen vorweihnachtlichen Verpflichtungen, die jeder hat, weiterhin um Unterstützung, sei es, daß sich Schulen, Kindergärten oder Kirchengemeinden wieder an der „Aktion Brotkorb" beteiligen, oder fertig gepackte „Helfer ohne Grenzen-Nahrungsmittelpakete" im Wert von 35,- DM durch Geldspenden gekauft werden können, oder jeder etwas Nahrungsmittel selbst einkauft und in unserem Lager vorbei bringt.  

Am meisten brauchen wir Nahrungsmittel, Decken, Bettwäsche, Hygieneartikel (bitte keine Fleisch- Wurst oder Fischkonserven, keine Milch- oder Milchpulver). Geldspenden, von denen wir Nahrungsmittel zukaufen können, sind uns ebenfalls sehr willkommen. Wir bekommen nach wie vor reichlich Kleiderspenden und sind dankbar dafür. Mit zerschlissenen Kleidern kann man allerdings lange überleben, ohne Nahrungsmittel jedoch nicht 

Auch hoffen 30 neue Waisenkinder aus Bosnien und Mazedonien auf eine Patenschaft. Wir freuen uns über jeden der mit hilft.

Bericht von Wolfram Höhl, Helfer ohne Grenzen, 28.11.1999